Von Papierzielen zu überprüfbarer Alltagspädagogik – Warum wir mit OKR-Frameworks arbeiten

22. Januar 2026

Von Papierzielen zu überprüfbarer Alltagspädagogik – Warum wir mit OKR-Frameworks arbeiten

Es ist eine dieser Wahrheiten, die niemand gerne ausspricht: Hilfeplanvereinbarungen sind häufig gut gemeint und Grundlage der pädagogischen Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe – und genauso häufig folgenlos. Sie entstehen in langen Gesprächen zwischen Jugendamt, Einrichtung, Familie und jungen Menschen, werden sorgfältig dokumentiert, unterschrieben und abgeheftet. Und dann? Verschwinden sie allzu oft im Alltag. Zwischen Krisenintervention, Personalengpässen und dem nächsten Hilfeplangespräch bleiben sie eine Absichtserklärung ohne Kompass.

Das ist nicht nur ineffizient. Es stellt unsere Arbeit in Frage.

Bei der Float gGmbH stellen wir uns dieser Realität mit Hilfe von agilen Arbeitsmethoden. Wir arbeiten mit jungen Menschen, die das herkömmliche System überfordern. Studien zeigen: Rund 17 Prozent der Klientel in der Jugendhilfe gelten als massiv herausfordernd im Verhalten, mit häufigen Einrichtungswechseln, traumatischen Biografien und komplexen Bedarfen. Gerade hier darf Hilfeplanung keine Formsache sein. Hier braucht es Instrumente, die Ziele aus Hilfeplangesprächen in überprüfbare, tägliche Arbeit übersetzen. Besonders im Kontext von Einzelfallvereinbarungen und hohen Tagessätzen, muss pädagogische Arbeit und der Erfolg von Maßnahmen messbar und nachvollziehbar gestaltet werden.

OKR-Frameworks – Objectives and Key Results – sind genau das: Ein Brückenschlag zwischen strategischer Zielvereinbarung und operativer Umsetzung. Entwickelt in den 1970er-Jahren von Andy Grove bei Intel und später durch John Doerr zu Google gebracht, haben OKRs Unternehmen wie Intel, Google und Spotify dabei geholfen, ambitionierte Ziele nicht nur zu setzen, sondern messbar zu erreichen. Was für Technologiekonzerne gilt, gilt umso mehr für die Jugendhilfe: Wer nicht misst, steuert nicht. Wer nicht steuert, hat keine Fahrtrichtung.

CARE-OKR: Ein Framework für die sozialpädagogische Fallarbeit

Bei Float gGmbH haben wir ein eigenes Framwork für unsere Arbeit entwickelt. CARE-OKR – ein agiles Rahmenwerk speziell für die sozialpädagogische Fallarbeit. CARE steht für Casework Achievement & Result Evaluation, kombiniert mit der OKR-Methode. Es ist kein kompliziertes Managementsystem. Es ist ein klares, schlankes Gerüst, das pädagogische Arbeit operationalisiert und damit erst wirksam macht.

Die Struktur ist bewusst einfach:

  • Vision (3–5 Jahre): Der langfristige Sinnbezug der Arbeit
  • Jahresziele (maximal 2 pro Jahr): Die strategische Ausrichtung
  • Objectives (maximal 3 pro Quartal): Ambitionierte, qualitative Ziele
  • Key Results (2–5 pro Objective): Messbare, quantitative Ergebnisse
  • Tasks: Konkrete Maßnahmen mit klaren Verantwortlichkeiten, meistens durch die Bezugsbetreuer

Vier Events strukturieren den Prozess: Planning zur Zieldefinition, wöchentliche Weeklies zur Statusverfolgung, Review zur Überprüfung der Zielerreichung und Retrospektive für kontinuierliches Lernen. Zwei Rollen tragen das System: Der OKR-Verantwortliche (in unserem System pädagogische Begleitung genannt) trägt die inhaltliche Verantwortung, der Moderator (systemische Begleitung) sichert den Prozess.

Ein Beispiel aus der Praxis: Bianca

Betrachten wir B. Eine 14-jährige Schülerin mit diagnostiziertem IQ von 75, visueller Beeinträchtigung, Anzeichen von Autismus-Spektrum-Störung und vermuteten Borderline-Persönlichkeitszügen. Sie erlebt impulsive emotionale Ausbrüche, geringe Frustrationstoleranz und massive Schwierigkeiten in sozialen Beziehungen. Klassische Entwicklungsberichte würden hier etwa formulieren: „B. soll emotional stabiler werden“ oder „Bianca entwickelt Bewältigungsstrategien“. Gut gemeint. Nicht überprüfbar.

Mit CARE-OKR sieht das anders aus.

Vision:
„B. findet ihren Platz in der Welt. Sie lernt, sich selbst zu vertrauen, erlebt Selbstwirksamkeit und soziale Teilhabe mit Gleichaltrigen.“

Jahresziel 1:
B. stabilisiert sich emotional und entwickelt innere Bewältigungsmechanismen in Krisensituationen.

Objective: „Emotionale Regulationsfähigkeit ausbauen“

Key Results:

  • B. hat 10 Prozent weniger aggressive Ausbrüche pro Woche im Vergleich zur Vorwoche.
  • Sie wird in 20 Prozent der Konfliktsituationen durch Gespräche und verbale Deeskalation beruhigt.
  • Sie benennt zweimal pro Woche eigenständig ihre Gefühle oder Auslöser.

Tasks:

  • In der Tagesdokumentation wird besonders auf die Einhaltung der Regeln sowie auf Anzahl und Art eskalierender Situationen geachtet.
  • Betreuerin X macht eine wöchentliche 15-minütige Auswertung zum Thema Eskalation und Einordnung der Auslöser und Gefühle.
  • Eine Skala zur Einordnung der emotionalen Regulationsfähigkeit wird für mindestens 3 Monate eingeführt und gemeinsam mit N. und der Betreuerin X täglich ausgewertet.

Warum das funktioniert

Jetzt lässt sich messen, ob B. Fortschritte macht. Im wöchentlichen Weekly reflektiert das Team: Wo steht B. aktuell? Was hat funktioniert? Welche Hindernisse gibt es? Was muss angepasst werden? Im quartalsweisen Review werden die Ziele und die Tasks überprüft und angepasst. Natürlich unter der Prämisse, das auch Scheitern zum pädagogischen Alltag gehört.

Die Retrospektive ermöglicht organisationales Lernen: Was hat im Team gut funktioniert? Welche Strategien waren wirksam? Was müssen wir anpassen?

Das Ergebnis ist Transparenz. Für das Team. Für B. selbst. Für das auftraggebende Jugendamt und für den Kostenträger. OKRs machen Wirkung sichtbar – nicht als nachträgliche Legitimation, sondern als kontinuierliche Steuerung.