Der Drehtüreffekt in der Kinder- und Jugendhilfe – Ursachen, Folgen und Wege heraus
Ein erheblicher Anteil junger Menschen in der Kinder- und Jugendhilfe durchläuft nicht eine, sondern mehrere Hilfemaßnahmen hintereinander – ohne nachhaltige Stabilisierung. Dieses Phänomen wird als Drehtüreffekt bezeichnet und beschreibt den wiederkehrenden Wechsel zwischen Jugendhilfeeinrichtungen, Kinder- und Jugendpsychiatrie und ambulanten Angeboten. Der Drehtüreffekt ist kein Randphänomen. Er betrifft insbesondere Kinder und Jugendliche mit komplexen Biographien, Traumatisierungen und herausfordernden Verhaltensweisen – also genau jene, die am intensivsten auf stabile Unterstützung angewiesen wären.
Warum dreht sich die Tür?
Die Ursachen liegen häufig in der strukturellen Rigidität bestehender Hilfesysteme. Einrichtungen sind auf Standardprofile ausgerichtet; junge Menschen, die dieses Profil nicht erfüllen, werden weitervermittelt. Jeder Wechsel bedeutet gleichzeitig einen Beziehungsabbruch – für traumatisierte Kinder und Jugendliche eine besondere Belastung, die bestehende Verhaltensauffälligkeiten verstärken und den nächsten Wechsel begünstigen kann. So entsteht eine sich selbst verstärkende Dynamik, die ohne strukturelle Veränderungen kaum durchbrochen werden kann.
Agile Strukturen als strukturelle Antwort
Die FLOAT Jugendhilfe gGmbH verfolgt einen Ansatz, der auf agilen Betreuungsstrukturen basiert. Das bedeutet konkret: flexible Betreuungsschlüssel, individuelle Pädagogenauswahl und standortunabhängige Formen der Begleitung – abgestimmt auf den jeweiligen Bedarf und die jeweilige Entwicklungsphase des jungen Menschen. Starre Einrichtungslogiken werden so zugunsten bedarfsorientierter Settingentwicklung aufgebrochen.Dieser Ansatz ist nicht an eine feste Infrastruktur gebunden, sondern an die pädagogische Beziehung als stabilisierendes Kernelement.
Ein konkretes Angebotselement innerhalb dieses Rahmens sind die ISE-Reiseprojekte. Sie ermöglichen einen bindungsorientierten Einstieg in intensive Einzelbetreuung – mobil, flexibel und mit dem Fokus auf den Aufbau einer tragfähigen pädagogischen Beziehung. Das Setting wird schrittweise entwickelt, statt von Beginn an eine feste Struktur vorzugeben, der sich der junge Mensch anzupassen hätte. Ziel ist der sukzessive Aufbau von Selbstwirksamkeit, sozialer Handlungsfähigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe.
Für Lösungen bedarf es jedoch gesamtsystemischer Verantwortung und einer koordinierten Zusammenarbeit aller beteiligten Systeme – Jugendämter, freie Träger, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Schule und Wohnhilfen. Die Minimierung des Drehtüreffekts ist damit keine Frage individueller Trägerleistung, sondern eine strukturpolitische und gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Innovative Konzepte können dabei einen Beitrag leisten, sie ersetzen jedoch nicht die notwendige systemische Steuerung und politische Investitionsbereitschaft.
Das Bild zeigt: Die Drehtür von Begoña de la Sota