Psychologische Erste Hilfe: Resilienz in Extremsituationen
Eine wichtige Perspektive auf die Thematik der Resilienz ist der Umgang mit Überforderung in der Folge von psychologischen Extremsituationen. Psychologische Erste Hilfe ist keine Therapie sie ist Stabilisierung in Extremsituationen durch Jedermann. Sie schafft Handlungsfähigkeit, wo körperliche Stressreaktionen überhandnehmen. Das Modell ist einfach und folgt klaren, erlernbaren Schritten. Was für das militärische Gefechtsfeld entwickelt wurde, hilft in Blaulichtorganisationen, Schulen und Unternehmen
Der folgende Artikel bietet eine grundlegende biochemische Einordnung der Körperlichen Reaktionen auf Stress mit konkreten Folgeerscheinungen. Auf der Grundlage werden verschiedene Modelle der psychologischen ersten Hilfe präsentiert. Eine konkrete Anleitung für psychologische Erste Hilfe wurde durch das Militär von Oberfeldarzt Heinrich Rau unter dem Akronym B.E.S.S.E.R entwickelt. Das CISM Modell ist ein umfassendes, integriertes System zur Krisenintervention von Organisationen. Die Abgrenzung ist wichtig, um psychologische erste Hilfe nicht als isolierte Maßnahme auf der individualen Ebene zu verstehen
Veröffentlicht unter: https://www.researchgate.net/publication/399986081_Psychologische_erste_Hilfe_-_Stress_in_Extremsituationen
Schlüsselwörter: Psychologische Erste Hilfe, Akute Belastungsreaktion, B.E.S.S.E.R.-Modell, CISM, Trauma-Prävention, Resilienz
Inhaltsverzeichnis:
Psychologische Erste Hilfe – Resilienz in Extremsituationen
- Das Allgemeine Adaptationssyndrom nach Hans Selye
1.1 Alarmphase: Der initiale Schockzustand
1.2 Widerstandsphase: Die Mobilisierung zur Aktion
1.3 Erschöpfungsphase: Die Grenze der Belastbarkeit
- Das Transaktionale Stresskonzept nach Lazarus
- Körperliche Reaktionen auf extremen Stress: Was passiert genau?
- B.E.S.S.E.R. – Ein Modell für akute psychologische Erste Hilfe in Extremsituationen
4.1 Der Hintergrund: Wenn das Gehirn überreagiert
4.2 Das Prinzip: Das Frontalhirn zurückgewinnen
4.3 Die sechs Schritte des B.E.S.S.E.R.-Modells
4.4 Zeitrahmen: Minuten, nicht Stunden
4.5 Universelle Anwendbarkeit
4.6 Praktisches Beispiel: B.E.S.S.E.R. in einem alltäglichen Notfall
4.7 Grenzen und Weiterverweisung
4.8 Das langfristige Verständnis
- Die Dimensionen des Critical Incident Stress Management (CISM) Modells
5.1 Prä-Krisen-Vorbereitung
5.2 Einzelinterventionen
5.3 Großschadenslagen-Interventionen
5.4 Defusing
5.5 Critical Incident Stress Debriefing (CISD)
5.6 Familienintervention und organisatorische Unterstützung
5.7 Follow-up und Weiterleitung
- Fazit: Abschließende Perspektive: Psychologische Erste Hilfe als Grundpfeiler der modernen Krisenbewältigung
- Das Allgemeine Adaptationssyndrom nach Hans Selye
Hans Selye, Pionier der Stressforschung, definierte Stress als die unspezifische Reaktion des Körpers auf jede an ihn gerichtete Anforderung. Zentral für Seyles Konzeption ist die Annahme, dass unterschiedliche Stressoren – unabhängig von ihrer qualitativen Beschaffenheit – im Wesentlichen identische biologische Reaktionsmuster hervorrufen. Selye beschrieb dieses Reaktionssystem als „Allgemeines Adaptationssyndrom“ und differenzierte es in drei charakteristische Phasen:
- Alarmphase: Der initiale Schockzustand
Die erste Phase beginnt mit einer vorübergehenden physiologischen Reaktion, die als Schockphase bezeichnet wird. Der Körper reagiert auf die wahrgenommene Bedrohung mit einem ersten Ansturm von Symptomen: Die Herzfrequenz erhöht sich zunächst, während der Blutdruck kurzfristig sinkt und die Muskulatur vorübergehend an Spannung verliert
Rasch folgt eine Gegenschockphase (innerhalb von Sekunden bis etwa einer Minute), in der das sympathische Nervensystem – das ist der „Gaspedal-Teil“ unseres vegetativen Nervensystems – aktiviert wird. Wenige Minuten später beginnt die Ausschüttung von Stresshormonen.
1.2 Widerstandsphase: Die Mobilisierung zur Aktion
In dieser zweiten Phase aktiviert der Körper alle verfügbaren Ressourcen zur Bewältigung der Bedrohung. Diese Phase kann von Minuten bis zu mehreren Stunden oder sogar Tagen andauern, je nach Intensität und Art der Belastung. Mehrere koordinierte Veränderungen finden statt.
- Der Blutdruck und die Atemfrequenzsteigen an, um den Körper mit mehr Sauerstoff zu
- Die Atemwege erweitern sich, sodass die Lunge effizienter arbeiten
- Die Durchblutung der Herz- und Skelettmuskulatur verbessert sich, sodass Kraft und Ausdauer verfügbar
- Die Hautblutgefäße verengen sich(sichtbar als Gänsehaut), was die Blutviskosität (Zähflüssigkeit des Blutes) erhöht und somit eine schnellere Blutgerinnung bei möglichen Verletzungen ermöglicht
- Die Pupillen erweitern sich, um die visuelle Wahrnehmung zu verbessern
- Der Körper stellt Glukose (Zucker) in großen Mengen bereit, um die Muskulatur mit Energie zu versorgen
Das zentrale Problem: Diese Widerstandsphase ist entwicklungsbiologisch nur für kurze bis mittlere Zeiträume gedacht. Sie ist eine Sprint-Reaktion, keine Marathon-Leistung. Wenn die Belastung diese Zeiträume überschreitet, erschöpfen sich die körperlichen Ressourcen.
1.3 Erschöpfungsphase: Die Grenze der Belastbarkeit (Dauer: Stunden bis Wochen/chronisch)
Wenn die Stressbelastung zu lange anhält oder zu intensiv ist, folgt die dritte Phase. Diese setzt typischerweise nach Stunden bis Tagen intensiver Belastung ein und kann sich bei chronischen Stressoren über Wochen oder sogar länger erstrecken. Der Körper hat seine unmittelbar verfügbaren Energiereserven aufgebraucht und kann die hohe Anspannung nicht mehr aufrechterhalten.
In dieser Phase muss sich der Organismus regenerieren und ausruhen, um seine Fähigkeit zur Anpassung an Belastungen nicht dauerhaft zu verlieren. Ohne diese Erholung drohen Langzeitschäden an wichtigen Organsystemen – besonders am Herz-Kreislauf-System, dem Hormonsystem und dem Immunsystem
- Das Transaktionale Stresskonzept nach Lazarus
Eine fundamental bedeutsame Erkenntnis resultierte aus der Beobachtung, dass Personen auf identische externe kritische Lebensereignisse sehr unterschiedlich reagieren. Diese Feststellung führte zur Entwicklung des transaktionalen Stresskonzeptes nach Lazarus.
In diesem Modell wird Stress nicht als rein externe Anforderung konzeptualisiert, sondern als dynamisches Wechselspiel zwischen Person und Umwelt. Stresserleben entsteht demnach, wenn ein Individuum eine Situation oder ein Ereignis in einer Primärbewertung als herausfordernd, bedrohend oder schädigend einschätzt, während es in einer Sekundärbewertung die verfügbaren eigenen Ressourcen als beansprucht oder überfordert wahrnimmt. Die Selbstwirksamkeitserwartung – die Überzeugung, durch eigenes kompetentes Handeln die spezifischen Anforderungen unter Kontrolle zu bringen – spielt hierbei eine entscheidende Rolle.
Diese Perspektive verdeutlicht, dass bei der Entstehung von Stress nicht nur objektive Ressourcen relevant sind, sondern auch die subjektiv wahrgenommenen Bewältigungsmöglichkeiten (Coping-Möglichkeiten) eine zentrale Bedeutung besitzen.
- Körperliche Reaktionen auf extremen Stress: Was passiert genau?
Die Phasen ermöglichen eine Einordnung von Stress auf der zeitlichen Achse. Ebenso relevant sind die konkreten Reaktionen des menschlichen Körpers auf extreme Stresssituationen. Eine umfangreiche Untersuchung von 1041 Polizeiberichten zeigt ein eindeutiges Muster kognitiver und physiologischer Ausfallerscheinungen (Artwohl & Christensen, 1997). Diese Reaktionen sind nicht pathologisch, sondern neurologisch bedingt – sie sind das Ergebnis davon, dass das Gehirn unter extremer Belastung in einen Überlebensmodus schaltet.
Die häufigsten Ausfallerscheinungen sind:
- Auditiver Ausschluss(85%): Die Wahrnehmung von Geräuschen wird drastisch reduziert oder komplett blockiert. Betroffene berichten oft, dass ihre Umgebung „stumm“ wirkt.
- Tunnelblick(80%): Das periphere Sichtfeld verengt sich dramatisch. Die visuelle Wahrnehmung konzentriert sich nur auf den unmittelbaren Fokus – ein evolutionärer Schutz, um Ablenkung zu minimieren.
- Autopilot – Verlust kognitiver Reaktion(74%): Das „denkende Gehirn“ schaltet aus. Handlungen erfolgen automatisch, häufig ohne bewusste Entscheidungsfindung.
- Erhöhter Fokus mit verzerrter Zeitwahrnehmung(65%): Parallel zum Autopilot nehmen Betroffene die Zeit verlangsamt wahr – ein psychologisches Phänomen, das als „Slow Motion Time“ bekannt ist.
- Verlust von Kontinenz(66%): Die Kontrolle über die Blasen- und Darmmuskulatur kann verloren gehen – eine direkte Konsequenz der sympathischen Nervensystem-Aktivierung.
- Verlust von Erinnerungen(50%): Das Kurzzeitgedächtnis wird blockiert. Betroffene können sich später nicht an Sequenzen ihrer eigenen Handlungen erinnern.
Diese Befunde verdeutlichen, dass unter extremem Stress das Gehirn eine primitivere, instinktive Funktionsweise übernimmt – ein biologischer Schutzmechanismus, der für unmittelbare physische Überlebenssituationen ausgelegt ist. Für die psychologische Erste Hilfe ist dieses Wissen zentral: Wer diese Reaktionen versteht, kann Betroffene nicht nur stabilisieren, sondern auch ihre eigenen Reaktionen später weniger pathologisieren.
- B.E.S.S.E.R. – Ein Modell für akute psychologische Erste Hilfe in Extremsituationen
Psychologische Erste Hilfe in Extremsituationen erfordert klare, schnell erlernbare Handlungsschritte. Das B.E.S.S.E.R.-Modell bietet eine universell anwendbare Struktur für die Stabilisierung von Menschen in akuten Belastungssituationen. Das Modell wurde ursprünglich von Oberfeldarzt Heinrich Rau entwickelt, der ein israelisches Konzept der psychologischen Kameradenhilfe für die Bundeswehr adaptierte (Bundeswehr, 2022). Inzwischen hat sich das Verfahren weit über den militärischen Kontext hinaus etabliert und wird in Einsatzorganisationen, Schulen und Unternehmen eingesetzt.
4.1 Der Hintergrund: Wenn das Gehirn überreagiert
Unter extremem Stress – ob in Kampfsituationen, bei Unfällen, Naturkatastrophen oder in Notfallsituationen – kann das menschliche Gehirn in einen Überlebensmodus schalten, der zu einer akuten Belastungsreaktion führt. Betroffene erstarren, sind nicht ansprechbar, können nicht angemessen reagieren. Truppenpsychologe Tobias M. erklärt den neurologischen Mechanismus: „Wird das Gehirn mit einer Situation konfrontiert, die das eigene Erlebensspektrum überschreitet, fehlen diese Erlebnisse als Handlungshilfe“ (Bundeswehr, 2022). Das Gehirn reagiert dann mit Hilfslosigkeit. Emotionale Prozesse sind nicht mehr zu kontrollieren, Gefühle überlagern das Denken. Diese Reaktion ist nicht pathologisch – sie ist ein evolutionär sinnvoller Schutzmechanismus. Doch im praktischen Alltag führt sie zu Problemen: Der Betroffene verliert die Fähigkeit zur eigenständigen Handlung, ist zur Unterstützung durch andere angewiesen und risikiert langfristige psychische Folgeschäden. Diese Überlastung kann sowohl in der Schockphase als auch in der Überlastungsphase auftreten. Dabei können sowohl einzelne, als auch eine Kombination der genannten Ausfallerscheinungen auftreten, die zu einem körperlichen „Shut-Down“ führen können.
4.2 Das Prinzip: Das Frontalhirn zurückgewinnen
Der zentrale Ansatz des B.E.S.S.E.R.-Modells lautet: „Das denkende Frontalhirn muss die Kontrolle zurückgewinnen“ (Bundeswehr, 2022). Dies geschieht in sechs systematischen Schritten über Kontaktaufnahme, kurze sachliche Fragen sowie einfache Routineaufgaben, die den Betroffenen schrittweise in seine Handlungsfähigkeit zurückführen. Entscheidend ist dabei, was nicht funktioniert: Fragen nach der Gefühlslage helfen ebenso wenig wie Anschreien oder Schütteln – beide führen nur zu mehr Emotionalität. Stattdessen arbeitet B.E.S.S.E.R. mit klarer Struktur, praktischer Orientierung und kognitiver Reaktivierung.
4.3 Die sechs Schritte des B.E.S.S.E.R.-Modells
B – Binden: Kontakt herstellen
Der erste Schritt ist die physische und psychische Verbindung zum betroffenen Menschen. „Binden“ bedeutet, sich dem Betroffenen zu nähern, Blickkontakt herzustellen und durch ruhige Präsenz zu signalisieren: „Ich bin hier. Du bist nicht allein.“
Praktisch bedeutet dies:
- Sich auf Augenhöhe begeben (knien, hocken)
- Körperliche Nähe herstellen (Hand auf die Schulter legen)
- Ruhig und bestimmt auftreten
- Sich vorstellen: „Ich bin [Name]. Ich bin hier, um dir zu helfen.“
Die Bindung schafft das Fundament für alle weiteren Schritte – ohne Kontakt gibt es keine Intervention.
E – Einstehen: Sicherheit vermitteln
„Einstehen“ bedeutet, für den Betroffenen einzustehen – sowohl physisch als auch psychisch. Der Helfer übernimmt vorübergehend Verantwortung und vermittelt das entscheidende Signal: Dieser Mensch ist jetzt sicher.
Konkret bedeutet das:
- Die Gefahrenlage einschätzen und kommunizieren: „Hier bist du sicher.“oder „Die Gefahr ist vorbei.“
- Den Betroffenen aus der unmittelbaren Gefahrenzone bringen, falls nötig
- Schutz vor neugierigen Blicken organisieren (räumliche Abschirmung)
- Klare, beruhigende Aussagen treffen: „Ich bleibe bei dir.“oder „Hilfe ist unterwegs.“
Sicherheit ist die Grundvoraussetzung dafür, dass das übererregte Nervensystem beginnen kann, sich zu beruhigen.
S – Sprechen: Orientierung schaffen
Der dritte Schritt aktiviert das kognitive System durch kurze, sachliche Fragen. Es geht nicht um Gefühle, sondern um Fakten und Orientierung:
- „Wie heißt du?“
- „Wo sind wir gerade?“
- „Bist du verletzt?“
- „Wie viele Personen sind bei dir?“
Diese Fragen sind bewusst einfach gehalten. Sie erfordern keine komplexen Denkprozesse, sondern reaktivieren schrittweise die kognitive Kontrolle. Sie verankern den Betroffenen in der Realität und reduzieren die emotionale Überflutung.
Wichtig: Der Helfer wartet auf Antworten, drängt aber nicht. Auch nonverbale Reaktionen (Nicken, Kopfschütteln) sind zunächst ausreichend.
S – Stabilisieren: Struktur durch Handlung
Stabilisierung erfolgt durch einfache, konkrete Aufgaben, die den Betroffenen schrittweise in seine Handlungsfähigkeit zurückführen. Diese Aufgaben müssen klar, konkret und machbar sein – weder zu komplex noch zu trivial:
- „Trink einen Schluck Wasser.“
- „Atme mit mir – einatmen, ausatmen.“
- „Zähle deine Finger auf.“
- „Berühre drei Dinge in deiner Nähe und nenne sie.“
Solche kleinen Handlungen durchbrechen die Erstarrung. Sie geben dem Betroffenen das Gefühl zurück, handlungsfähig zu sein – und genau das ist das zentrale Ziel. Sie verankern die Person gleichzeitig in der unmittelbaren Gegenwart und reduzieren Dissoziation.
E – Engagieren: Zurück in die Rolle
„Engagieren“ bedeutet, den Menschen wieder in seine normale Funktion oder Rolle einzubinden. Dies geschieht über die schrittweise Rückführung in einfache, ihm vertraute Aufgaben:
- „Kannst du mir helfen, [konkrete Aufgabe]?“
- „Kontrolliere, ob [Objekt] sicher ist.“
- „Erzähl mir, was du tust, wenn [normale Situation].“
Das Engagement muss an die Belastbarkeit angepasst sein. Wenn die Person noch nicht in der Lage ist, komplexe Aufgaben zu übernehmen, bleiben die Tätigkeiten rudimentär. Wichtig ist das Signal: „Du bist wieder Teil der Realität und der Normalität.“
R – Rückführen: Integration in den Alltag
Der letzte Schritt ist die vollständige Reintegration in die normale Aktivität und Umgebung. Die Person kehrt zu ihren alltäglichen Funktionen zurück – sei es die Rückkehr zur Arbeit, zur Familie oder zu ihren Aufgaben.
Die Rückführung ist erfolgreich, wenn:
- Die Person wieder ansprechbar und orientiert ist
- Sie einfache Befehle oder Anweisungen verstehen und umsetzen kann
- Sie ihre normale Rolle und Funktion wieder einnimmt
Wichtig: Wenn die Rückführung nicht gelingt – wenn die Person also auch nach mehreren Versuchen nicht ansprechbar wird oder schwerwiegende Symptome zeigt – ist professionelle medizinische oder psychologische Hilfe erforderlich.
4.4 Zeitrahmen: Minuten, nicht Stunden
Das B.E.S.S.E.R.-Modell ist darauf ausgelegt, Betroffene innerhalb weniger Minuten zu stabilisieren (Bundeswehr, 2022). Es ist keine langwierige therapeutische Intervention, sondern eine akute Stabilisierungsmaßnahme.
Die Geschwindigkeit ist entscheidend, denn: Je länger das Gefühl der Hilfslosigkeit anhält, desto größer ist das Risiko emotionaler Folgeschäden. „Gelingt es, den betroffenen Menschen aus seiner Isolation herauszuholen und in seine normale Funktion zurückzuholen, überwindet er das Gefühl der Hilfslosigkeit. Er bewältigt sozusagen das Trauma, bevor es entsteht.
4.5 Universelle Anwendbarkeit
B.E.S.S.E.R. ist nicht an eine spezifische Situation gebunden, sondern lässt sich auf verschiedenste Kontexte anwenden:
- Notfälle und Unfälle: Verkehrsunfälle, Arbeitsunfälle, plötzliche medizinische Ereignisse
- Naturkatastrophen: Überschwemmungen, Erdbeben, Stürme
- Gewalt und Kriminalität: Überfälle, Beraubungen, Zeuge von Gewalt werden
- Arbeitsumfeld: Traumatische Ereignisse in Betrieben, Schulen, Organisationen
- Persönliche Krisen: Plötzlicher Todesfall, schwere Diagnosen
Der Grundmechanismus ist immer derselbe: Ein Mensch befindet sich in einer emotionalen Überwältigung und benötigt Struktur, Sicherheit und schrittweise Reaktivierung seiner Handlungsfähigkeit.
4.6 Praktisches Beispiel: B.E.S.S.E.R. in einem alltäglichen Notfall
Ein Autofahrer erleidet nach einem Verkehrsunfall einen psychischen Zusammenbruch und sitzt regungslos in seinem Fahrzeug, starrt ins Leere, reagiert nicht auf Ansprache.
B – Binden: Ein Ersthelfer öffnet die Fahrzeugtür und kniet sich neben den Fahrer: „Mein Name ist Marco. Ich bleibe bei dir.“ Hand auf die Schulter.
E – Einstehen: „Du bist aus dem Fahrzeug. Es kommt kein anderes Auto. Du bist sicher.“
S – Sprechen: „Wie heißt du? Wo wolltest du hin?“ – Nach einigen Sekunden kommt eine leise Antwort: „Julia… zur Arbeit.“
S – Stabilisieren: „Gut. Trink jetzt einen Schluck Wasser. Hier, halte die Flasche.“ Julia nimmt die Flasche.
E – Engagieren: „Kannst du mir sagen, welche Farbe dein Auto hat? Schau es dir an.“ Julia schaut auf ihr beschädigtes Fahrzeug.
R – Rückführen: „Die Rettungskräfte sind unterwegs. Du sitzt hier, bis sie da sind. Wir bleiben zusammen.“ Julia nickt, kann wieder einfache Fragen beantworten.
Ergebnis: Innerhalb von 3-5 Minuten hat Julia die Kontrolle über ihre Wahrnehmung zurückgewonnen. Sie kann mit dem Rettungsdienst kommunizieren und später eigenverantwortlich handeln.
5 Die Dimensionen des Critical Incident Stress Management (CISM) Modells
Das Critical Incident Stress Management (CISM) stellt ein umfassendes, integriertes und multikomponentes System zur Bewältigung traumatischen Stresses dar, das seit Mitte der 1970er Jahre von Jeffrey T. Mitchell und George S. Everly Jr. entwickelt wurde (Mitchell & Everly, 1993, 1996). Im Gegensatz zu früheren Ansätzen der Krisenintervention repräsentiert CISM einen systematischeren und ganzheitlicheren Zugang, der das gesamte Krisenspektrum vom Prä-Krisen-Management bis zur Nachsorge abdeckt (Mitchell, 2003).
Beide Dimensionen sind im Kontext der psychologischen ersten Hilfe entscheidend. Das B.E.S.S.E.R. Modell setzt als reaktive Handlungsanweisung in der Mikroebene an. Dieses muss durch eine organisatorische Makroebene erweitert werden, die das CISM Modell liefert.
Die sieben Kerndimensionen des CISM-Modells
Mitchell und Everly (1997) identifizierten sieben primäre Komponenten eines integrierten und umfassenden CISM-Systems:
5.1 Prä-Krisen-Vorbereitung (Pre-crisis education and preparedness training)
Diese erste Dimension umfasst Stressmanagement-Schulungen, Resilienztraining und psychoedukative Programme, die bereits vor potenziellen kritischen Ereignissen implementiert werden (Mitchell & Everly, 1993). Ziel ist es, Einsatzkräfte prophylaktisch auf mögliche Belastungssituationen vorzubereiten und ihre Bewältigungskompetenzen präventiv zu stärken (Everly & Mitchell, 1997).
5.2 Einzelinterventionen (One-on-one psychological support sessions)
Individuelle psychologische Unterstützungsgespräche stellen eine flexible Interventionsform dar, die über das gesamte Krisenspektrum hinweg eingesetzt werden kann (Mitchell & Bray, 1990). Diese Dimension ermöglicht eine personalisierte Betreuung, die auf die spezifischen Bedürfnisse des Einzelnen zugeschnitten ist.
5.3 Großschadenslagen-Interventionen (Disaster demobilizations and briefings)
Für größere Gruppen werden Demobilisierungen und Pre-Deployment-Briefings durchgeführt, die insbesondere nach Großschadenslagen oder vor dem Einsatz in potenziell traumatisierenden Situationen relevant sind (Mitchell & Everly, 1996). Diese strukturierten Gruppenprozesse dienen der Informationsvermittlung und der psychologischen Vorbereitung größerer Einsatzverbände.
5.4 Defusing (Small group brief defusings)
Defusings sind kurze, strukturierte Gruppengespräche von 20 bis 40 Minuten Dauer, die unmittelbar nach einem traumatischen Ereignis stattfinden (Mitchell, 1983). Sie stellen eine niedrigschwellige Erstintervention dar, die darauf abzielt, akute Stressreaktionen zu normalisieren und weitere Unterstützungsbedarfe zu identifizieren (Everly & Mitchell, 1997).
5.5 Critical Incident Stress Debriefing (CISD)
Das CISD bildet die bekannteste Komponente des CISM-Systems und ist als strukturierte, ein- bis dreistündige Gruppendiskussion konzipiert (Mitchell & Everly, 1993). Mitchell (1983) entwickelte ein sieben-phasiges Modell für CISD:
- Einleitungsphase(Introduction): Etablierung des Settings und Erklärung der Regeln
- Faktendarstellung(Fact phase): Sammlung objektiver Informationen zum Ereignis
- Gedankenphase(Thought phase): Exploration kognitiver Verarbeitungsprozesse
- Reaktionsphase(Reaction phase): Identifikation emotionaler Reaktionen
- Symptomphase(Symptom phase): Besprechung physiologischer und psychischer Stressreaktionen
- Psychoedukationsphase(Teaching phase): Vermittlung von Copingstrategien und Normalisierung
- Abschlussphase(Re-entry phase): Zusammenfassung und Ausblick
„CISDs are a group discussion of a traumatic event experienced by the group. They are crisis intervention techniques, not psychotherapy or a substitute for psychotherapy“ (Mitchell, 2003, S. 3). Entscheidend ist, dass CISD niemals als isolierte Intervention („stand-alone procedure“) eingesetzt werden sollte, sondern stets im Kontext des umfassenden CISM-Programms (Mitchell & Everly, 1996).
5.6 Familienintervention und organisatorische Unterstützung (Significant other support programs)
Diese Dimension adressiert das soziale Umfeld der Betroffenen, insbesondere Familienangehörige, und bietet organisatorische Beratung (Everly & Mitchell, 1997). Die Einbeziehung des sozialen Netzwerkes stellt einen wichtigen protektiven Faktor dar, da soziale Unterstützung zu den bedeutendsten Ressourcen in der Bewältigung traumatischer Ereignisse zählt.
5.7. Follow-up und Weiterleitung (Follow-up and referral mechanisms)
Die abschließende Dimension umfasst systematische Nachsorgemaßnahmen und gegebenenfalls die Vermittlung in spezialisierte therapeutische Behandlung (Mitchell & Bray, 1990). „The primary goals of crisis intervention are to stabilize the current situation, assist people in mobilizing their resources, and restore people to an adaptive level of independent functioning“ (Mitchell, 2003, S. 2). Bei Bedarf werden Betroffene an Fachstellen weitergeleitet, um eine adäquate professionelle Behandlung sicherzustellen.
- Fazit
Die dargestellten wissenschaftlichen Grundlagen und praktischen Modelle der psychologischen Ersten Hilfe zeigen deutlich, dass psychologische Erste Hilfe nicht eine Therapie ist, sondern Stabilisierungsmaßnahmen, die von jedermann erlernbar und anwendbar ist. Das Verständnis des Allgemeinen Adaptationssyndroms nach Selye offenbart, dass extreme Stressreaktionen wie Dissoziation, Tunnelblick und kognitiver Shutdown, evolutionär rational sind. Für die Praxis bedeutet dies, dass sie behandelbar und reversibel sind. Das B.E.S.S.E.R.-Modell bietet eine universell anwendbare Struktur, die in Minuten Menschen in Extremsituationen stabilisieren kann. Das CISM-Modell zeigt darüber hinaus, dass psychologische Erste Hilfe in sieben systematischen Dimensionen – von Prävention bis zur Nachsorge – in Organisationen verankert werden kann. Dies transformiert die isolierte Hilfsmaßnahme zu einem ganzheitlichen System.
Literaturverzeichnis
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Bundeswehr (2022). Im Gefecht zurück zur Handlungsfähigkeit. Verfügbar unter: https://www.bundeswehr.de/de/meldungen/im-gefecht-zurueck-zur-handlungsfaehigkeit-5515988 [Zugriff: 20.11.2025].
Everly, G. S. & Boyle, S. H. (1997). A Meta-Analysis of the Efficacy of Critical Incident Stress Debriefing. Paper presented at the Fourth World Congress on Stress, Trauma and Coping in the Emergency Services Professions, Baltimore, MD.
Everly, G. S., Boyle, S. H. & Lating, J. M. (1998). Effectiveness of Psychological Debriefing with Vicarious Trauma: A Meta-Analysis. Stress Medicine, 15, 229-233.
Everly, G. S. & Mitchell, J. T. (1997). Critical Incident Stress Management (CISM): A New Era and Standard of Care in Crisis Intervention. Chevron Publishing Corporation.
Mitchell, J. T. (1983). When Disaster Strikes: The Critical Incident Stress Debriefing Process. Journal of Emergency Medical Services, 8, 36-39.
Mitchell, J. T. (2003). Critical Incident Stress Management: A New Era in Crisis Intervention. StressPoints.
Mitchell, J. T. & Bray, G. P. (1990). Emergency Services Stress: Guidelines for Preserving the Health and Careers of Emergency Services Personnel. Prentice Hall.
Mitchell, J. T. & Everly, G. S. (1993). Critical Incident Stress Debriefing: An Operations Manual for the Prevention of Traumatic Stress among Emergency Services and Disaster Workers. Chevron Publishing Corporation.
Mitchell, J. T. & Everly, G. S. (1996). Critical Incident Stress Debriefing: An Operations Manual for CISD, Defusing and Other Group Crisis Intervention Services (2nd ed.). Chevron Publishing Corporation.
Willmund, G.-D. & Zimmermann, P. (Hrsg.) (2020). Die Bundeswehr im Einsatz – Psychosoziale Belastungen und ihre Bewältigung: Eine Orientierungshilfe für Mitglieder des Psychosozialen Netzwerkes der Bundeswehr (3. Aufl.). Psychotraumazentrum des Bundeswehrkrankenhauses Berlin.